24 September 2020

Multi-Gefahren-Plattformen – was bevorzugt die Schweizer Bevölkerung?

Verschiedene Gefahreninformationen gemeinsam auf einer Plattform darzustellen, erfreut sich weltweit zunehmender Beliebtheit. Aktuell ist jedoch wenig darüber bekannt, wie nützlich diese Art der Informationsbündelung für die Bevölkerung ist im Hinblick auf die Gefahrenprävention sowie das Verhalten im Ereignisfall. Wir, eine Forschungsgruppe am Schweizerischen Erdbebendienst (SED) an der ETH Zürich, sind deshalb dieser Fragestellung nachgegangen: Welche Kartendarstellungen und welche Inhalte von Gefahrenmeldungen wünscht sich die Schweizer Bevölkerung auf einer Multi-Gefahren-Plattform?

Dafür entwarfen wir zwölf verschiedene Kartendarstellungen und acht Gefahrenmeldungen. Diese testeten wir anschliessend im Rahmen einer für die Deutschschweiz repräsentativen online Umfrage. Wir untersuchten, welche Kartendarstellung und welche Gefahrenmeldung die Schweizer Bevölkerung bevorzugt und welche sie motiviert, nach weiteren Informationen zu suchen beziehungsweise Massnahmen zu ergreifen. Zusätzlich hat uns interessiert, welche Kommunikationskanäle die Schweizer Bevölkerung momentan nutzt, um sich über Gefahren zu informieren, beziehungsweise sich zukünftig wünscht. Die nachfolgenden drei Abschnitte stellen die Kernresultate dieser Studie vor.

Nutzung von Informationskanälen

Die Befragten bevorzugen eine zentrale Plattform (Webseite oder App), um sich über aktuelle Gefahren in der Schweiz zu informieren. Insbesondere die Bündelung der lokal relevanten Naturgefahren (z. B. Unwetter, Gewitter, Überschwemmungen, Erdbeben) auf einer zentralen App schätzen sie. Des Weiteren möchte ein Teil der Befragten auch Informationen zu technologischen Gefahren (z. B. Verkehr, Industrie- und Chemieunfälle) und menschgemachten Gefahren (z. B. Terroranschläge, Stadtbrand, Luftverschmutzung) auf einer Multi-Gefahren-App sehen.

Damit möglichst viele Leute informiert werden können, sollen Gefahrenmeldungen auf verschiedenen Kanälen verbreitet werden. Dies könnte beispielsweise eine zentrale App und/oder Webseite in Kombination mit traditionellen Kommunikationskanälen wie TV und Radio sein. Die Verwendung mehrerer Kommunikationskanäle stellt dabei sicher, dass so viele Personen wie möglich gewarnt werden, dass der Ausfall eines Kanals kompensiert werden kann und dass Warnungen laufend aktualisiert werden können.

Bevorzugte Kartendarstellungen

Die Befragten bevorzugen eine Karte, welche eine Übersicht aller Gefahren bietet, gegenüber separaten Karten für jede einzelne Gefahr (siehe Abbildung 1). Bei der Darstellung aller Gefahren auf einer Karte sind die Befragten zudem motivierter, nach weiteren Informationen zu suchen und Massnahmen zu ergreifen. Eine weitere Erkenntnis ist, dass sie die Darstellungen mit fünf respektive vier Gefahrenstufen besser bewerten als solche mit nur drei Stufen. Zusätzliche Informationen bezüglich der aktuellen Gefahren unterhalb der Karte schätzen sie ebenfalls.

Abb. 1 Bevorzugte Kartendarstellung

Bevorzugte Gefahrenmeldungen

Die Abbildungen 2a und 2b zeigen die bevorzugten Gefahrenmeldungen für Erdbeben respektive für Gewitter.

Abb. 2a Bevorzugte Erdbebenmeldung

Für beide Gefahrentypen wünschen die Befragten eine Sharing-Funktion – also die Möglichkeit, die Meldung via WhatsApp, Facebook oder Twitter an Familienangehörige oder Freunde weiterzuleiten. Europäische Studien unterstützen diese Erkenntnis: Sie zeigten, dass Personen, die beispielsweise von einem Erdbeben betroffen waren, als erstes ihre Familienangehörigen und Freunde informieren wollten.

Abb. 2b Bevorzugte Gewitterwarnung

Bezüglich des Formats der Verhaltensempfehlungen gibt es keine Tendenz. Bei den Gewitterwarnungen bevorzugen die Befragten textliche Verhaltensempfehlungen, bei den Erdbebenmeldungen hingegen gibt es keinen Unterschied zwischen Piktogrammen und Text. Einige Befragte gaben in den Kommentaren jedoch an, dass sie sich eine Kombination von Text und Piktogrammen wünschen. Sie argumentierten, dass einige Piktogramme für sie nicht klar verständlich waren und dass Personen, die die jeweilige Landessprache nicht sprechen, von Piktogrammen profitieren können. Im Falle eines schweren Ereignisses, wo schnelles Handeln gefragt ist, können Piktogramme ebenfalls hilfreich sein. Eine Kombination aus Piktogrammen und schriftlichen Anweisungen bringt daher viele Vorteile mit sich.

Ausblick

Der Fokus dieser Studie lag auf den Kartendarstellungen und den Gefahrenmeldungen. Dabei gingen wir nicht auf die Nützlichkeit beziehungsweise Präferenz weiterer App-Inhalte und App-Funktionen ein. In einer bereits laufenden zweiten Studie untersuchen wir nun, welche weiteren Inhalte die Bevölkerung wünscht. Beispielsweise schätzen die Nutzer*innen von diversen Warn-Apps die Möglichkeit, eine Testwarnung zu generieren. Dadurch können sie sich mit dem Format vertraut machen.

Die detaillierten Resultate dieser Studie können Sie in den folgenden Berichten nachlesen:

 

Autorin:

Irina Dallo ist PhD Studentin am Schweizerischen Erdbebendienst und am Transdisciplinarity Lab an der ETH Zürich. Im Rahmen ihres Doktorats untersucht sie, wie Erdbebeninformationen in einem Multi-Gefahren-Kontext bestmöglich kommuniziert werden können. Die Studien sind Teil des Europäischen Forschungsprojekts RISE «Real-time earthquake rIsk reduction for a reSilient Europe».

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