27 April 2026

Vierzig Jahre nach Tschernobyl: Viele Fortschritte, neue Gefahren

Vor vierzig Jahren traf das Reaktorunglück von Tschernobyl Behörden und Bevölkerung überraschend, unvorbereitet und mit kurzer Vorwarnzeit. Die Fähigkeit der Behörden, auf ein solches Ereignis frühzeitig zu reagieren, hat sich seither deutlich verbessert. Die gegenwärtige geopolitische Situation führt zu neuen Szenarien und Einflussfaktoren, welche eine kontinuierliche Weiterentwicklung der Fähigkeiten notwendig machen.

Am 26. April 1986 kam es im Kernkraftwerk von Tschernobyl (heute Ukraine, damals Sowjetunion) zu einem schweren Reaktorunfall. Durch eine Explosion wurde ein Reaktor zerstört, grosse Mengen von Radioaktivität wurden freigesetzt. Am 30. April erreichte die radioaktive Wolke auch die Schweiz. Dass es überhaupt zu einem Unfall gekommen war, erfuhren die westlichen Staaten nur bruchstückhaft – die deutlichsten Hinweise waren erhöhte Messwerte, die in Skandinavien gemessen wurden. Wann und wieviel Radioaktivität die Schweiz erreichen würde, liess sich zu diesem Zeitpunkt kaum verlässlich abschätzen.

Seitdem hat sich vieles geändert, insbesondere in vier Bereichen sind die Mitarbeitenden der zuständigen Behörden heute wesentlich besser aufgestellt als noch vor vierzig Jahren:

1. Internationale Zusammenarbeit

Abkommen zum internationalen resp. europaweiten Informationsaustausch sollen eine frühzeitige Information über Nuklearunfälle sicherstellen. Die in der Schweiz als «Competent Authority» für diesen internationalen Informationsaustausch bezeichnete Nationale Alarmzentrale erhält regelmässig standardisierte Informationen anderer Signatarstaaten der Convention on Early Notification of a Nuclear Accident | IAEA über Ereignisse weit unterhalb der Schwelle eines grenzüberschreitenden Nuklearereignisses. Der Prozess lässt es auch zu, spezifische Fragen an einen Unfallstaat zu stellen, um so das eigene Lagebild gezielt zu vervollständigen.

2. Überwachung der Radioaktivität

Fast alle europäischen Staaten verfügen heute über feinmaschige Radioaktivitätsmessnetze, die ständig die Radioaktivität messen. Das Schweizer NADAM-Netzwerk – 1986 erst im Aufbau begriffen und aus nur 12 Messonden in der Westschweiz bestehend – überwacht heute zuverlässig die Radioaktivität an 76 Standorten in der ganzen Schweiz. Ergänzend gibt es weitere Mess- und Probenahmenetze, die kontinuierlich sowohl Luft als auch Fliessgewässer überwachen und bei Überschreiten bestimmter Grenzwerte automatisch Alarme auslösen. Alle Alarme werden an die NAZ übermittelt. Eine Übersicht über die Messwerte der automatischen Netze und des nationalen Überwachungsprogramms der Schweiz ist auf der Seite RADENVIRO verfügbar.

Die Schweiz beteiligt sich am internationalen Datenaustausch und übermittelt die NADAM-Messwerte an internationale und europäische Partnernetzwerke. Die entsprechenden Daten sind für die Öffentlichkeit auf der europäischen Plattform EURDEP verfügbar. Das Verständnis für die radiologische Lage und ihre Entwicklung ist also viel vollständiger, als es 1986 sein konnte.

Ebenfalls breit aufgestellt ist das Netzwerk der Messorganisation, das eine Vielzahl von Akteuren mit der Fähigkeit, Radioaktivität zu messen, unter Leitung der Nationalen Alarmzentrale vereint und jährlich gemeinsam mit der NAZ geübt wird.

3. Präzise Ausbreitungsrechnungen dank fortschrittlicher Modelle und Rechenpower

Dank fortschrittlicher Computertechnologie, hoher Rechenleistung und weiterentwickelten meteorologischen Modellen kann die erwartete Ausbreitung einer radioaktiven Wolke viel präziser prognostiziert werden also noch in den 1980er Jahren. Damit steht im Idealfall mehr Zeit zur Verfügung und es können im Bedarfsfall präzisere Schutzmassnahmen angeordnet oder zu Händen politischer Behörden vorgeschlagen werden. Heute produziert die MeteoSchweiz im Auftrag der NAZ laufend radiologische Ausbreitungsrechnungen für diverse Orte auf der Welt, die für die NAZ aufgrund der aktuellen Lage von Interesse sind oder die routinemässig beobachtet werden. Die Ausbreitungsmodelle werden laufend weiterentwickelt und für verschiedene Szenarien angepasst. Eine entscheidende Grösse für eine präzise Modellierung ist die exakte Menge der freigesetzten radioaktiven Stoffe und ihre Zusammensetzung.

Diese Angaben sind in einem Echtfall eventuell aber nicht bekannt. In solchen Fällen arbeitet man mit Annahmen, um abzuschätzen, wann welche Gebiete von einer möglichen Kontamination betroffen sein könnten. Die tatsächliche Bestimmung (Quantifizierung) der Kontamination sowie die Validierung der Simulationen würde im Ereignisfall später anhand von Messwerten aus dem Feld folgen. Je nach Art des Ereignisses – etwa bei einem Industrieunfall, einer Freisetzung aus einem Kernkraftwerk, einem Terroranschlag oder sogar dem Einsatz einer Nuklearwaffe – werden unterschiedliche Ausbreitungscharakteristiken angenommen.

4. Grundlagen, Einsatzkonzepte und Vernetzung

Die gesetzlichen Grundlagen für Ereignisse mit erhöhter Radioaktivität wurden spezifisch mit den Erfahrungen aus dem Ereignis in Tschernobyl und dem späteren Reaktorunfall von Fukushima weiterentwickelt. Grundgedanke bleibt, dass ein Dosis-Massnahmen-Konzept regelt, bei welchen erwarteten Dosen welche Sofortmassnahmen zum Schutz der Bevölkerung angeordnet werden dürfen bzw. müssen. Die Nationale Alarmzentrale hat die Kompetenz, diese Massnahmen in dringenden Fällen selbständig anzuordnen. Ergänzend wurden spezifische Abläufe (z.B. im Bereich Lebensmittel), die in Zusammenarbeit mit den Bundesstellen und den Kantonen festgelegt wurden, definiert. Für die längerfristige Bewältigung eines Ereignisses werden die Krisenmanagement-Strukturen des Bundes genutzt. Diese wurden seit 1986 schrittweise vom Leitenden Ausschuss Radioaktivität (LAR), zum Bundesstab ABCN (Bundesstab für ABC- und Naturereignisse), zum Bundesstab Bevölkerungsschutz und zum Krisenmanagement des Bundes weiterentwickelt, wobei der Trend klar in die Richtung geht, szenariounabhängige Krisenbewältigungsstrukturen zu schaffen.

Die Vernetzung der verschiedenen Akteure wurde seit 1986 komplexer, allerdings wuchsen durch verschiedene ausserordentliche Ereignisse auch die Kenntnisse und Verbindungen zwischen den involvierten Stellen in Notfall- und Krisensituationen des Bundes, der Kantone und auch der internationalen Partner. Im Bereich Radioaktivität besteht eine enge Zusammenarbeit zwischen dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz, dem Bundesamt für Gesundheit, dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat, den Standortkantonen der Kernkraftwerke und den Werksbetreibern. Alle zwei Jahre absolvieren diese Notfallschutzpartner gemeinsam eine Übung zur Bewältigung eines Ereignisses in einem Schweizer Kernkraftwerk.

Neue Herausforderungen: Militärische Ereignisse und Desinformation

Während eine Vielzahl von Entwicklungen eine besser aufgestellte Organisation als 1986 zeigt, gibt es auch Faktoren, die im Vergleich zu 1986 eine Einsatzführung erschweren. So wird heute in Europa Krieg geführt in unmittelbarer Nähe von laufenden und stillgelegten Kernkraftwerken. Eine ähnliche Situation gibt es inzwischen auch im Nahen Osten, insbesondere im Iran. Ein Ereignis mit erhöhter Radioaktivität könnte damit in einem kriegerischen Kontext stattfinden, der die Bewältigung vor Ort erschweren würde.

Zunehmend muss im Falle eines Ereignisses mit erhöhter Radioaktivität auch mit zurückgehaltenen Informationen, Desinformation und weiteren, absichtlich zur Verunsicherung der Öffentlichkeit oder zur Behinderung der Behörden unternommener Aktivitäten gerechnet werden. Diese Faktoren müssen als zusätzliche Herausforderungen bei einer Ereignisbewältigung in Betracht gezogen werden.

Weitere Informationen:

Schweizweites Radioaktivitätsmessnetz NADAM

Radioaktivitätsmesswerte in der Schweiz: Radenviro

European Radiological Data Exchange Platform

Convention on Early Notification of a Nuclear Accident | IAEA

Krisenorganisation der Bundesverwaltung

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