26 November 2020

Die Nationale Risikoanalyse 2020

Zu welchen Katastrophen und Notlagen kann es in der Schweiz kommen? Mit welchen Schäden muss gerechnet werden? Und wie häufig treten solche Schadensereignisse ein? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS untersucht diese Fragen periodisch im Rahmen der nationalen Risikoanalyse «Katastrophen und Notlagen Schweiz».

Ein erfolgreicher Umgang mit Katastrophen und Notlagen ist nur möglich, wenn wir uns der vorhandenen Risiken bewusst sind.  Die nationale Risikoanalyse beleuchtet das gesamte Spektrum der Gefährdungen, seien sie aus dem Bereich Natur, Technik oder Gesellschaft. Sie schafft das erforderliche gemeinsame Risikoverständnis, bietet Grundlagen für eine Priorisierung der Risiken und dient als Wegweiser für vorsorgliche Planungen, Übungen oder Analysen im Bevölkerungsschutz.

44 Szenarien

Die nationale Risikoanalyse basiert auf Szenarien, die einer systematischen Risikobewertung unterzogen wurden. Dabei wurden die zu erwartenden Schäden nach gleichen Grundsätzen abgeschätzt und in einen finanziellen Wert umgerechnet. Dabei wurde ein grosses Spektrum an Schadensindikatoren in den Bereichen Personen, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft berücksichtigt.

Bei der Auswahl der Gefährdungen spielten verschiedene Kriterien eine Rolle. Grundsätzlich bilden die Szenarien grosse Schadensereignisse ab,

  • die in der Schweiz schon einmal zu Katastrophen und Notlagen geführt haben (z. B. Erdbeben, Hochwasser)
  • die im Ausland zu grossen Schäden geführt haben und auch in der Schweiz denkbar sind (z. B. ein grosser Stromausfall)
  • die im Ausland zu grossen Schäden geführt haben und sich auch auf die Schweiz auswirken könnten (z. B. Vulkanausbruch, Sonnensturm, KKW-Unfall)
  • die das Potenzial für eine Katastrophe oder eine Notlage haben (z. B. ein Anschlag mit einer radiologischen Bombe oder andere gravierende Terroranschläge).
Risikodiagramm 1 Schäden und Häufigkeit: Das Risiko errechnet sich aus der Eintrittswahrscheinlichkeit einer Gefährdung und den erwarteten Schäden, die sie verursachen. Beides lässt sich anhand ähnlicher Ereignisse in der Vergangenheit abschätzen.

Herzstück der Risikoanalyse ist ein Risikodiagramm. Je weiter oben im Diagramm ein Szenario positioniert ist, desto höher ist dessen Eintrittswahrscheinlichkeit, je weiter rechts im Diagramm, desto schwerwiegender sind die potenziellen Auswirkungen des Szenarios. Oben rechts im Diagramm stehen also jene Szenarien, deren Produkt aus Eintrittswahrscheinlichkeit und Ausmass am grössten sind.

Szenarien zu mutwillig herbeigeführten Ereignissen (Terroranschläge, Cyber-Angriffe etc.) können nicht in diesem Diagramm abgebildet werden. Denn die Szenarien zu Anschlägen, zum Teil auch mit ABC-Substanzen, sind nicht nach Häufigkeit, sondern nach ihrer Plausibilität bewertet. Dabei werden die Absichten und Möglichkeiten eines feindlichen Akteurs eingeschätzt. Diese Einschätzung erfolgte in enger Absprache mit dem Nachrichtendienst des Bundes NDB.

Die mutwillig herbeigeführten Schadensereignisse lassen sich nicht direkt mit anderen Risiken wie Erdbeben oder Tierseuche vergleichen. Sie lassen sich aber in einem separaten Risikodiagramm darstellen und somit ebenfalls priorisieren.

Risikodiagramm 2 Schäden und Plausibilität: Dieses Risikodiagramm enthält mutwillig verursachte Ereignisse wie Terroranschläge oder Cyber-Angriffe. Deren Risiken lassen sich nicht einfach von ihrer Häufigkeit ableiten, meist fehlt dazu die Datengrundlage. Gestützt auf internationale Erfahrungen wurde eine Methode entwickelt, mit der die Plausibilität solcher Gefährdungen systematisch abgeschätzt werden kann.

2015 vs. 2020: Was ist neu?

Die Liste der Gefährdungen wird bei jedem Überarbeitungszyklus überprüft und bei Bedarf erweitert. Hier die Änderungen für 2020:

  • 11 neue Gefährdungen sind dazu gekommen, etwa der Ausfall des Mobilfunks, der Lawinenwinter oder der bewaffnete Konflikt.
  • Bestehende Szenarien wurden überprüft und bei Bedarf neu bewertet. Dabei gab es einige Verschiebungen im Risikodiagramm.
  • Grösste Risiken:
    Wie bereits im Risikobericht 2015 stellt eine schwere Strommangellage heute das grösste Risiko für die Schweiz dar. Im Szenario wurde eine Stromunterversorgung von 30 Prozent während mehrerer Monate im Winter angenommen. Die Häufigkeit für das Auftreten eines derartigen Ereignisses wird auf einmal in 30 bis 50 Jahren geschätzt.
    Eine Grippe-Pandemie stellt wie auch 2015 das zweitgrösste Risiko dar. Es wird mit einem Schadensausmass von ca. 60 bis 80 Milliarden Franken gerechnet. Die geschätzte Häufigkeit liegt zwischen einmal in 50 bis 80 Jahren.
    Neu wurde der Ausfall des Mobilfunks in der Analyse berücksichtigt. Dabei wird von einem Szenario ausgegangen, in dem es zu einem mehrtägigen Ausfall in der ganzen Schweiz kommt. Bei einer Häufigkeit von einmal in 20 bis 30 Jahren sind Gesamtschäden von ca. 8 bis 10 Milliarden Franken zu erwarten.

 

Szenarien als Orientierungshilfe

Die COVID-19-Pandemie hat uns gezeigt, und zeigt uns immer noch, wie verletzlich auch die Schweiz ist – trotz eines gut aufgestellten Gesundheits- und Bevölkerungsschutzsystems, trotz einer guten wirtschaftlichen Ausgangslage und trotz unserer Fähigkeit zur Zusammenarbeit. Vor fünf Jahren hat das BABS die letzte Ausgabe des Risikoberichts veröffentlicht. Darin ist ein Szenario einer schweren Influenza-Pandemie abgebildet. Schon damals gehörte sie zu den Top-Risiken der Schweiz. Das Produkt aus den immensen direkten und indirekten Auswirkungen und der geschätzten Wahrscheinlichkeit machte die Pandemie zum Top-Risiko.

Aber ein Szenario bietet lediglich eine Orientierungshilfe. Wie sich Bund, Kantone und Gemeinden oder kritische Infrastrukturen auf ein bestimmtes Risiko einstellen, wie man die Vorsorge plant, wie die Aufgaben definiert und untereinander abgestimmt werden   das kann ein Szenario nicht vorwegnehmen. Es zeigt aber auf, mit welchen Auswirkungen und in welchem Ausmass zu rechnen ist. Dies wiederum dient als Ausgangslage für die Planung, Umsetzung und Überprüfung von Massnahmen.

Risikoanalysen allein machen die Schweiz noch nicht sicherer. Doch sie helfen, den Handlungsbedarf zu identifizieren und notwendige Fähigkeiten zur Bewältigung von Katastrophen und Notlagen abzuleiten.

Verschiedene Produkte

Im Rahmen der Arbeiten zur nationalen Gefährdungsanalyse wurden folgende Produkte entwickelt, die periodisch aktualisiert werden:

Autor: Andreas Bucher, Mediensprecher BABS

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