1 November 2016

Gefahren kennen: Unfall Chemiebetrieb/-anlage

Welche Gefährdungen gibt es für die Schweizer Bevölkerung? Wie könnte ein grosses Schadenereignis in der Schweiz konkret ablaufen? Welche Auswirkungen hätte dies auf Mensch, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz? Und was können Sie selber tun, um sich besser zu schützen?

Mit der nationalen Gefährdungsanalyse von «Katastrophen und Notlagen Schweiz» schafft das Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS Grundlagen für die vorsorgliche Planung und Ereignisvorbereitung. In diesem Rahmen wird für jede untersuchte Gefährdung ein Referenzszenario definiert. Damit gibt das BABS wissenschaftlich fundierte und breit abgestützte Antworten auf die einleitend gestellten Fragen. Im Alertswiss-Blog informieren wir Sie regelmässig über die Ergebnisse dieser Gefährdungsanalyse.

Am 1. November 2016 jährt sich der Grossbrand einer Lagerhalle des Chemiekonzerns Sandoz in Schweizerhalle bei Basel zum 30. Mal. Glücklicherweise waren keine gravierenden Personenschäden zu verzeichnen, die Auswirkungen des Brandes auf die Umwelt waren jedoch enorm. Das Ereignis stiess zudem europaweit auf grosses Medienecho.

Worum geht es?

Bei einem Unfall oder Brand in einem Betrieb, in dem mit chemischen Substanzen gearbeitet wird, können giftige Substanzen austreten und zu erheblichen Einwirkungen ausserhalb des Betriebsareales führen. Bei einem solchen Ereignis können chemische Stoffe in so grossen Mengen ins Freie gelangen, dass Mensch, Tier, Umwelt oder Sachwerte geschädigt werden können. Im Ereignisfall warnen die kantonalen Behörden vor schädlichen Auswirkungen.

Ereignisbeispiele

Referenzszenario: Möglicher Ereignisablauf bei einem Unfall in einem Chemiebetrieb / einer Chemieanlage

Im frühmorgendlichen Berufsverkehr kommt es in einer Pestizidfabrik in städtischem Gebiet zu einem Unfall. Eine Verwechslung von Stoffen und die daraus resultierende Überhitzung eines Chemikaliengemischs führt zum Bersten des betroffenen Reaktors. Zudem werden brennbare, toxische und geruchsbelästigende Gase und Dämpfe freigesetzt, die eine Explosion mit Folgebrand auslösen. Weiter beschädigen durch die Explosion herumfliegende Trümmer einen Tank so stark, dass darin gelagerte Schwefelsäure austritt. Da das Fabrikareal stark beschädigt ist, kann der Brand erst nach zwölf Stunden unter Kontrolle gebracht und ein weiterer Austritt von Schadstoffen unterbunden werden. Nicht nur auf dem Firmengelände, sondern auch in der unmittelbaren Umgebung entstehen durch die Explosion und den nachfolgenden Brand grosse Schäden. Es dauert rund sechs Monate, um sämtliche Schäden zu beheben.

Referenzszenario: Mögliche Auswirkungen

Oberste Priorität hat der Schutz der Bevölkerung. So werden die Einwohner in der Abwindrichtung des Geländes über Radio und mobile Lautsprecher angewiesen, Fenster und Türen zu schliessen und Lüftungen abzuschalten. Im Referenzszenario sind davon rund 100 Personen betroffen.

Die Explosion im Reaktorgebäude fordert drei Todesopfer sowie mehrere Schwerverletzte. Rund 60 Personen, mehrheitlich Mitarbeitende des Pestizidherstellers sowie vereinzelte Anwohner, erleiden durch Glassplitter, Trümmer und Verbrennungen leichte bis mittelschwere Verletzungen. Sofort nach der Bergung und der medizinischen Erstversorgung werden die Verletzten auf verschiedene Spitäler in der ganzen Schweiz verteilt. Zudem werden auch Mitarbeitende und Anwohner, die über Atemprobleme klagen, sofort medizinisch betreut.

Die freigesetzten Gase, Dämpfe sowie der Rauch führen in einem Gebiet von mehreren Quadratkilometern zu einer Geruchsbelästigung. Da in der Zeit unmittelbar nach dem Unfall nicht klar ist, ob diese eine Gefährdung für die Bevölkerung darstellen, wollen viele Einwohner das Gebiet so schnell wie möglich verlassen. In der Folge kommt es zu einem lokalen Verkehrschaos und mehreren Folgeunfällen.

Neben den explosionsbedingten Schäden an Gebäuden auf und neben dem Fabrikareal, wobei es sich mehrheitlich um geborstene Scheiben und beschädigte Mauern handelt, sind auch Auswirkungen auf die Umwelt festzustellen. Durch den Brand setzt sich Russ auf dem Boden und den Pflanzen ab. Daneben kann die Mischung aus Löschwasser und Chemikalien in die Kanalisation und durch Kläranlagen-Überläufe direkt in die Gewässer gelangen. Dies wirkt sich zwar negativ auf verschiedene Ökosysteme aus, zieht aber keine langfristigen Schäden mit sich, da sich die Ökosysteme schnell erholen. Gesamthaft werden die Kosten der Ereignisbewältigung (Einsatzkräfte, Dekontamination, Entsorgung von Sondermüll, usw.) auf etwa 70 Mio. Franken geschätzt.

Risikobeurteilung und Vergleich mit anderen Risiken

Die Eintrittswahrscheinlichkeit des beschriebenen Referenzszenarios lässt sich aufgrund von Erfahrungswerten der letzten Jahrzehnte relativ genau einordnen. Das Szenario ist in der Schweiz grundsätzlich vorstellbar, aber selten zu erwarten. In Bezug auf den monetarisierten Schaden gehört das Szenario des Störfalls in einem Chemiebetrieb gemäss der Nationalen Gefährdungsanalyse des Bundesamts für Bevölkerungsschutz BABS zu den fünf Ereignissen mit den geringsten finanziellen Auswirkungen. So hat ein solcher Unfall etwa dieselben finanziellen Auswirkungen wie ein Waldbrand und kommt ungefähr so oft vor wie Sonnenstürme, Tierseuchen oder schwere Schneestürme.

Vorsorge und Verhaltensanweisungen: Was können Sie tun?

Obwohl Ereignisse, wie sie das Referenzszenario beschreibt, in der Schweiz nur selten vorkommen und sich meist auf ein relativ kleines Gebiet beschränken, ist es wichtig zu wissen, wie Sie sich im Ereignisfall verhalten sollten. Grundsätzlich gelten bei Unfällen in Chemiebetrieben/-Anlagen folgende Verhaltensanweisungen:

  • Suchen Sie Schutz in einem Gebäude.
  • Schliessen Sie Haustüren und Fenster und schalten Sie Lüftungen aus.
  • Nehmen Sie gefährdete Personen vorübergehend bei sich auf.

Je nach Ausmass und Art des Störfalls können weitere Verhaltensanweisungen herausgegeben werden. Es gilt daher, immer den Anweisungen der Behörden und Einsatzkräfte zu folgen, die wie via Radio übermittelt werden.

Bereit für alle Fälle

Beachten Sie die Empfehlungen zu

Notvorrat und Notfallapotheke sowie zu den Vorbereitungen betreffend Notunterkunft und Notgepäck im Alertswiss Notfallplan.

Weitere Informationen

SRF DOK zeigt, welche Folgen Schweizerhalle für die Chemie- und Pharmaindustrie in der Schweiz hatte und wie wir uns auch heute noch mit den Folgen beschäftigen müssen:

Schlagwörter: , ,

Beitrag teilen:

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *