SRF
12 Oktober 2020

Eine Tragödie, über die sich nachzudenken lohnt

13 Menschen kamen vor zwanzig Jahren bei einem Unwetter in Gondo ums Leben. Das Walliser Grenzdorf ist seither ein nationales Symbol für die Bewältigung von Katastrophen – aufgrund der bis heute kaum übertroffenen Solidarität in der Schweizer Bevölkerung. Aber auch Fachleute haben aus diesem Extremereignis ihre Lehren gezogen.

Neblig, kalt und unaufhörlich regnerisch war die zweite Oktoberwoche des Jahres 2000. In drei Tagen fiel so viel Niederschlag über den Simplon wie sonst in einem Durchschnittsjahr. In Gondo, an der Südrampe des Alpenpasses, schlug die Behörde deshalb Hochwasser-Alarm. Frühzeitig evakuierte man Anwohner des sonst friedlich plätschernden Gebirgsbachs «Doveria». Doch die Tragödie kam unerwartet von oben: Am Samstag, 14. Oktober, kurz nach zehn Uhr morgens ergiesst sich eine Lawine aus Schlamm, Geröll und Felsbrocken über das Walliser 130-Seelen-Dorf. Wenige Augenblicke später ist seine Mitte gänzlich zerstört: Ein Dutzend Häuser ist verschwunden, und ebenso viele Menschen werden vermisst.

Keine zwölf Stunden später erreichen die Armee und der Zivilschutz den Katastrophenort; sobald die Lage als sicher gilt, starten sie eine Such- und Rettungsaktion. Trotzdem verletzt ein weiterer, kleinerer Murgang einige Einsatzkräfte. Und obwohl die Spürhunde schnell Witterung aufnehmen, kommt für alle Verschütteten leider jede Hilfe zu spät. 13 Einwohnerinnen und Einwohner von Gondo fanden Mitte Oktober vor zwanzig Jahren einen tragischen Tod.

Gondo 20 Jahre nach der Katastrophe: Am 14. Oktober jährt sich die Unwetterkatastrophe von Gondo im Oberwallis zum 20. Mal. 13 Menschen starben. Die Reportage mit dem damaligen Rettungschef an jenem Unglücks-Ort, der fast vollständig zerstört wurde. (SRF, 11.10.2020)

«Das schwarze Wochenende»

Nicht einmal 20 Sekunden benötigte die tonnenschwere Masse, um das Leben und den Siedlungskern von Gondo fast ganz unter sich zu begraben. Trotzdem bleibt das «schwarze Wochenende vom 14./15. Oktober» bis heute nicht nur dem damaligen und jetzigen Gemeindepräsidenten Roland Squaratti in ebenso tragischer Erinnerung wie den vielen Angehörigen oder den offiziellen Rettern und spontanen Spendern aus der Schweiz und dem benachbarten Italien. Die Folgen waren derart verheerend, dass die Tragödie umfassend aufgearbeitet worden ist. Das Unwetter von Gondo ist inzwischen ein wissenschaftlich genau analysiertes Ereignis, aus dem wichtige Lehren gezogen werden können, aber auch hohe Erwartungen unerfüllt geblieben sind.

74,2 Millionen Franken sammelte die nationale Glückskette im Nachgang zum Unwetter vom Herbst 2000, das weitere Menschleben im Wallis und Tessin forderte und Landstriche ebenso stark in Mitleidenschaft zog. Die Schweizer Bevölkerung zeigte sich darob sehr solidarisch. Nur für die Tsunami-Katastrophe in Südostasien spendete sie vier Jahre später mehr. Ein Sechstel der Glückskette-Sammlung erhielt die Gemeinde Gondo für den Wiederaufbau gutgesprochen. Zur Rekonstruktion des 400 jährigen Dorfkerns wurde zudem ein nationaler Architekturwettbewerb ausgeschrieben. Man erhoffte sich dadurch auf eine Wiederbelebung der Berggemeinde, was zum Modellfall für andere hätte werden können. Aber weil nicht alle Einwohner zurückkehren wollten, baute man nur noch fünf der zehn zerstörten Häuser wieder auf. Der Stockalperturm war als Baudenkmal ebenfalls stark betroffen; nach seiner Reparatur dient er nun als moderner Hotelbetrieb.

Allerdings machte schon bald Kritik von in- und ausserhalb des Dorfs die Runde, die den Bedarf dafür nicht erkennen konnte. Auch nationale und internationale Medien fragen weiterhin nach, ob die Reaktivierung gelungen ist. Tatsächlich schrumpft die Bevölkerung in Gondo wie in anderen, abgelegenen Bergdörfern. Seit 2001 ist fast die Hälfte weggezogen, und zur Schule geht fast niemand mehr. Erfreuliche Zeichen gibt es aber auch; die lokalen Gastrobetriebe und Unterkünfte können sich halten. Und der beliebte Marathon-Event, der seit 2002 als jährlicher Gedenklauf für die Opfer stattfindet, fiel diesen August nur aus, weil die Corona-Pandemie zur Absage zwang.

Der Erdrutsch von Gondo: Ein Film von Fiona Strebel – Am 14. Oktober 2000 kam es im Wallis und im Tessin zu verheerenden Unwettern. Am schlimmsten traf es Gondo: Ein Erdrutsch zerstörte einen Drittel des Walliser Grenzdörfchens und riss 13 Menschen in den Tod. Der bewegende Film lässt die Katastrophe von Gondo wieder aufleben. Und er geht der Frage nach, wie die Ueberlebenden zurück in den Alltag fanden, und welche Lehren man aus dem Erdrutsch von Gondo gezogen hat. (SRF, 05.07.2011)

Ein unerwarteter Dominoeffekt

Alpinsportler kennen das Dorf am Simplonpass schon länger; von hier aus lassen sich spektakuläre bis waghalsige Touren auf 4000 Meter hohe Gipfel unternehmen. Seit der Katastrophe interessieren sich vermehrt Geologen und Hydrologen für die imposante, felsige Umgebung. Kaum ein Ereignis wie den Murgang von Gondo haben sie derart akribisch seziert. Wissenschafter aus der ganzen Schweiz sammelten Daten über den aussergewöhnlichen Starkregen und versuchten die Umwege aller Bäche nachzuverfolgen, um die damals unerwartete Herkunft des Wassers im Nachhinein zu bestimmen.

Was herauskam, war ein minutiöser und selbst für Laien verständlicher Bericht. An besagtem Samstagmorgen ging bis kurz vor 10 Uhr einiges schief, was letztendlich einen Dominoeffekt auslöste: Es begann damit, dass gesammeltes Regenwasser das Fundament einer Stützmauer aufweichte, die das Dorf vor Steinschlag schützen sollte. Und als eine Schlammlawine zusätzlich darauf drückte, kippte die massive Betonwand um und verstärkte die Zerstörungsgewalt.

Inzwischen verhindern ein neuer Damm und eine zusätzliche Wasserrinne ein vergleichbares Ereignis. Zu hoffen ist, dass Gondo künftig ebenso gute Erfahrungen damit machen wird wie Brig vor 20 Jahren. 1993 erlebte das Oberwalliser Zentrum selbst ein verheerendes Unwetter; im Herbst 2000 kam man, dank der verbesserten Schutzmassnahmen, glimpflich davon.

 

Autor: Paul Knüsel, Wissenschaftsjournalist

 

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