23 Oktober 2015

Heulende Sirenen: Fehlalarm oder echter Alarm?

Sonntag, 11. Oktober, abends um 22.15 Uhr: In der Region Bern-Belp schreckt ein Sirenenalarm die Bevölkerung auf. Kurz darauf kommt über Radio die Entwarnung: Es war ein Fehlalarm. Leider kein Einzelfall: In den Monaten Juni und Juli kam es in der Stadt St. Gallen wiederholt zu nächtlichem Sirenengeheul, genau wie in mehreren anderen Ostschweizer Gemeinden. Im Sommer waren auch die Stadt Lausanne und andere Westschweizer Regionen betroffen. Und am 7. April, morgens um 7.43 Uhr heulten in Einsiedeln, Kanton Schwyz, die Wasseralarmsirenen. Immer war es Fehlalarm.

Was passiert bei einem Fehlalarm?

Fehlalarme sind in jedem Fall ärgerlich und schädlich: In erster Linie natürlich für die betroffene Bevölkerung in der konkreten Situation. Sie fragt sich zurecht: Was ist passiert? Ist es etwas Schlimmes? Bin ich betroffen? Sind meine Kinder betroffen? Was muss ich jetzt tun? Ein Sirenenalarm führt zu Unsicherheit, eventuell auch zu Verwirrung. Und es liegt in der Natur der Sache, dass beim Fehlalarm für eine gewisse Zeit unklar bleibt, was passiert ist.

Bei einem echten Alarm gehört es zum vorbereiteten Prozess, dass die zuständige Polizeistelle die Information der Bevölkerung parallel zur Alarmierung vorbereitet. Und zwar so, dass diese Information dann über Radio möglichst zeitgleich mit dem Auslösen der Sirenen verbreitet werden kann. Bei einem Fehlalarm ist diese zeitliche Abstimmung natürlich nicht möglich. Die zuständige Einsatzorganisation muss zuerst selber feststellen, dass irgendwo in ihrem Bereich eine Sirene heult. Dann muss sie die Ursache abklären – also feststellen, dass es sich eben um einen Fehlalarm handelt und keine Gefährdung besteht. Dies meldet sie dann der Polizei. In der Einsatzzentrale der Polizei muss diese Information überprüft und verifiziert werden. Die Polizei ihrerseits übermittelt die Information dann über ein spezielles System in schriftlicher Form an die SRG-Sender und auch an ausgewählte Lokalradios. Dort muss die eintreffende Information wiederum auf die Schnelle geprüft und verifiziert werden – es könnte ja auch hier ein Fehler vorliegen. Schliesslich muss die Information zu der Person am Radio-Mikrofon kommen. Die Radiostationen unterbrechen die Sendung und geben die Meldung über den Fehlalarm bekannt.

Im Fall des Fehlalarms vom 11. Oktober in Bern ist die Meldung über den Fehlalarm um 22.32 auf Radio SRF ausgestrahlt worden – 17 Minuten nachdem der Alarm losging. Angesichts des eben knapp skizzierten Prozesses sind 17 Minuten eine ziemlich gute Leistung. Es ist kaum möglich, die Information noch rascher zu verbreiten – in anderen Fällen hat es auch schon erheblich länger gedauert. Für eine stark verunsicherte Person, welche die heulende Sirene hört und den Grund nicht kennt, sind aber auch 17 Minuten eine lange, eine quälend lange Zeit.

Erneuerung des Alarmierungssystems

Aber auch abgesehen von der direkt betroffenen Bevölkerung, auf einer übergeordneten Ebene, haben Fehlalarme eine schädliche Wirkung. Insbesondere wenn sie gehäuft auftreten, wird die Glaubwürdigkeit des Gesamtsystem zur Alarmierung der Bevölkerung geschwächt. Wenn die Leute beim Heulen einer Sirene als erstes denken: „Aha, wieder ein Fehlalarm!“, dann reagieren sie kaum mehr richtig – wenn es sich um einen echten Alarm handelt und tatsächlich eine Gefährdung für die Bevölkerung besteht!

Die Häufung der Fehlalarme in jüngerer Zeit hat unterschiedliche Ursachen. Zum Teil sind es Fehler in der Software für die Sirenenfernsteuerung. In St. Gallen konnte festgestellt werden, dass bestimmte Komponenten in neu montierten Sirenen einen Mangel aufwiesen, der bei der Bildung von Kondenswasser zu einem Kurzschluss und damit zum unkontrollierten auslösen der Sirene führen konnte. In anderen Fällen waren es Fehlmanipulationen bei der Montage von Sirenen, bei der Ausbildung von Personal oder bei anderen Arbeiten.

Zwei Personen montieren eine Sirene auf dem Dach eines Wohnhauses.
Eine Ursache für Fehlalarme: Fehler bei der Montage von Sirenen

Etwas verbindet diese verschiedenen Ursachen jedoch: Das Alarmierungssystem in der Schweiz wird zurzeit grundlegend erneuert. Es wird ein völlig neues, funkbasiertes System für die Fernsteuerung von Sirenen eingerichtet. Damit können die lokalen und kantonalen Polizeistellen die Sirenen in ihrem Bereich gezielt und ferngesteuert über ein Computerprogramm auslösen. Bis Ende 2015 werden in der ganzen Schweiz alle ca. 5000 stationären Sirenen auf dieses neue System migriert sein. Gleichzeitig werden zahlreiche alte Sirenen ausgemustert und durch neue ersetzt.

Was gilt, wenn die Sirenen ertönen?

Wichtig ist in jedem Fall das Radio einzuschalten. Im Ernstfall werden Sie unmittelbar nach dem Sirenenalarm auf dem ersten Programmen der SRG-Sender (Radio SRF 1, RTS La Première, RSI Rete Uno) und über die einschlägigen Lokalradios (allerdings nicht systematisch und nicht vollständig) darüber informiert, welche Gefährdung besteht und welche Verhaltensanweisungen zum Schutz der Bevölkerung gelten. Auch die „Entwarnung“ nach einem Fehlalarm erfahren Sie als erstes im Radio – wie eben dargestellt mit einer gewissen, unvermeidlichen Verzögerung.

Auf keinen Fall sollten Sie einen Sirenenalarm einfach ignorieren. Denn auch wenn Fehlalarme (glücklicherweise) häufiger als echte Alarme sind: Sie können niemals sofort wissen, ob es sich um einen Fehlalarm oder um einen Ernstfall handelt. Und im Ernstfall könnte jede Minute wichtig sein. Es könnte die Gefahr für Sie und Ihre Angehörigen schwerwiegend erhöhen, wenn Sie nicht sofort richtig reagieren. Deshalb: Nach einem Allgemeinen Alarm sollten Sie immer Radio hören!

Alarmierungszeichen

1. Radio hören 2. Anweisungen befolgen 3. Nachbarn informieren

So klingt der Allgemeine Alarm

1. Gefährdetes Gebiet sofort verlassen 2. Radio hören. Im gefährdeten Gebiet vorgängig Anweisungen und Merkblätter beachten.

So klingt der Wasseralarm

Und wenn dann im Radio keine Information verbreitet wird? Auch wenn Sie verständlicherweise besorgt sind: Notfallorganisationen wie Polizei oder Feuerwehr sollten Sie beim Ertönen des Sirenenalarms nur bei absoluter Notwendigkeit anrufen. Überlastete Notrufleitungen könnten dazu führen, dass dringende Notrufe nicht schnell genug bearbeitet werden könnten.

Warum sind auf Alertswiss keine Informationen zu aktuellen Fehlalarmen zu finden?

Zurzeit können über Alertswiss (Website, App und Social Media) noch keine Warnungen oder Alarmierungen an die Bevölkerung verbreitet werden. Die nötigen technischen sowie organisatorischen und personellen Voraussetzungen für die Warnung, Alarmierung und Ereigniskommunikation über diese Plattform sind noch nicht vorhanden. Die Alarmierung via Alertswiss-App ist momentan in Planung. Informationen zu aktuellen Ereignissen werden grundsätzlich von den Informationsdiensten der Kantone und der Einsatzorganisationen verbreitet. 

Weiterführende Informationen:

Warnung und Alarmierung der Bevölkerung

Unterlagen zu Alarmierung

Sirenentest: Von ratternden Pressluftbohrern und heulenden Schafen

 

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