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12 August 2016

Gefahren kennen: Hochwasser

Welche Gefährdungen gibt es für die Schweizer Bevölkerung? Wie könnte ein grosses Schadenereignis in der Schweiz konkret ablaufen? Welche Auswirkungen hätte dies auf Mensch, Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft in der Schweiz? Und was können Sie selber tun, um sich besser zu schützen?

Mit der nationalen Gefährdungsanalyse von „Katastrophen und Notlagen Schweiz“ schafft das Bundesamt für Bevölkerungsschutz BABS Grundlagen für die vorsorgliche Planung und Ereignisvorbereitung. In diesem Rahmen wird für jede untersuchte Gefährdung ein Referenzszenario definiert. Damit gibt das BABS wissenschaftlich fundierte und breit abgestützte Antworten auf die einleitend gestellten Fragen. Im Alertswiss-Blog informieren wir Sie regelmässig über die Ergebnisse dieser Gefährdungsanalyse.

Im Sommer 2016 waren mehrere Gebiete der Schweiz von Hochwasser betroffen. Die Kantone Luzern, Bern, St. Gallen, beide Appenzell, Thurgau, Uri, Tessin, Graubünden, Glarus und Zürich sowie das Baselbiet litten unter Überschwemmungen, Hangrutschen und Murgängen. Auch Frankreich und Deutschland kämpften mit den Wassermassen. Die Medien waren über Wochen mit Warnungen vor und Berichterstattung über die Ereignisse beschäftigt.

Auch im Meteoschweiz-Blog und beim Bundesamt für Umwelt BAFU waren die Hochwasserereignisse in den vergangenen Monaten ein wichtiges Thema.

Worum geht es?

Hochwasser ist ein Zustand, bei welchem Gebiete, die normalerweise im Trockenen liegen, von Wasser überflutet werden. Zu Hochwasser (hoher Wasserstand von Gewässern) und Überschwemmungen (Gewässer treten über die Ufer) kommt es unter anderem, wenn Seen sowie Bäche und Flüsse viel Wasser führen, wenn nach starkem Niederschlag (Regen, Schnee) und/oder starker Schneeschmelze viel Wasser abfliesst oder wenn mehr Grundwasser als üblich an die Erdoberfläche stösst (z. B. Quellen). Seehochwasser dauern meist lange an, haben in der Regel jedoch weniger direkte Zerstörungskraft als Bachaustritte. Diese weisen meist sehr hohe Fliessgeschwindigkeiten auf und können so in kürzester Zeit enormen Schaden anrichten.

Ereignisbeispiele

Referenzszenario: Möglicher Ereignisablauf bei einem Hochwasser

Es ist Mitte August und die Regenmenge im ganzen Monat hat den Durchschnitt bereits überstiegen. Betroffen sind die Alpennordflanke, Teile der östlichen Zentralalpen und das Mittelland. Die Böden sind gesättigt, die Pegel der Flüsse und Seen sind bereits angestiegen. Weitere starke Niederschläge führen dazu, dass die Böden das zusätzliche Wasser nicht mehr aufnehmen können. Kleinere Flüsse und Bäche können die Wassermassen nicht mehr ableiten – es kommt zu ersten Überschwemmungen, Murgängen und Hangmuren. Nach drei Tagen wird auch die Grenze der Abflusskapazität der grossen Flüsse überschritten. Dämme werden überströmt und brechen punktuell. Flüsse und Seen treten über die Ufer. Erst nach vier Tagen nimmt die Intensität der Niederschläge ab. In diesem Szenario wird von einem Hochwasser mit einem solchen Ausmass gerechnet, das nur etwa alle 300 Jahre erwartet wird.

Da es auch in der Zeit nach den extremen Niederschlägen immer wieder regnen kann, dauert es bis zu drei Wochen, bis sich die Lage normalisiert – das heisst, bis keine Gebiete mehr überschwemmt sind und die Pegel der Seen, Flüsse und Bäche wieder sinken. Rettungs- und Aufräumarbeiten werden dadurch erschwert.

Referenzszenario: Mögliche Auswirkungen

Zuoberst steht der Schutz und die Rettung von Personen. Es wird versucht, das Eindringen des Wassers in Gebiete mit Gebäuden und Infrastruktureinrichtungen zu verhindern. Während dies an einigen Orten gelingt, sind andere Gebiete nur noch per Boot oder aus der Luft erreichbar und sonst von der Umwelt abgeschnitten. Es müssen zahlreiche Personen und Tiere evakuiert werden.

Insgesamt ist mit 25 Todesopfern, 80 Schwer-, 300 Mittel- und 2000 Leichtverletzten zu rechnen. Es müssen schweizweit etwa 35000 Personen für durchschnittlich zwei Wochen in Notunterkünften versorgt werden.

Die grossflächige Zerstörung betrifft Dörfer und Städte, aber auch die Landwirtschaft. Es ist mit Ernteausfällen zu rechnen. Heizöltanks laufen aus, giftige Chemikalien gelangen ins Wasser, Kläranlagen funktionieren teilweise nicht, Müll treibt im Wasser – dies führt alles zu Wasserverschmutzung und zum Teil zu einer Verunreinigung des Trinkwassers. Versorgungsleitungen für Gas, Wasser, Strom, Fernsehen und Telefon sind beschädigt, es kann zu Stromausfällen und einem Ausfall der Kommunikationssysteme kommen.

Erst mit dem Rückgang des Wassers wird aber das volle Ausmass der Zerstörung sichtbar. Strassen sind nicht mehr befahrbar, Häuser sind einsturzgefährdet oder von der Feuchtigkeit dauerhaft beschädigt. Es muss vieles komplett erneuert werden. Die Schäden an Gebäuden, Infrastruktur und anderen Sachwerten betragen zusammen mit den Bewältigungskosten etwa 10 Mrd. CHF. Der Wiederaufbau dauert in den besten Fällen einige Monate, in stark betroffenen Gebieten je nach Projekt auch mehrere Jahre.

Das Bild zeigt das Dorf Dierikon im August 2015. Im Hintergrund sind ein Kran und ein Bagger zu sehen. Einige Häuser stehen hinter dem Bagger. Vor dem Bagger ist ein grosser Haufen Schlamm zu sehen. Die Strasse ist immer noch leicht überschwemmt und von Schlamm bedeckt.
Der Kommandant der ZSO Emme beschreibt die Aufräumarbeiten nach den schweren Überschwemmungen vom August 2015 in Dierikon (LU) im Alertswiss-Blog.

Risikobeurteilung und Vergleich mit anderen Risiken

Die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Hochwassers in diesem Ausmass ist wissenschaftlich relativ zuverlässig zu bestimmen. In diesem Szenario wird von einem sogenannten 300-jährlichen Hochwasser ausgegangen. Ein solches ereignet sich häufiger als ein starkes Erdbeben, das in der Schweiz etwa alle 1000 Jahre eintritt. Mit einem Wert von bis zu 20 Mrd. Franken ist das monetisierte Schadensausmass geringer als bei einem starken Erdbeben, das mehr als 100 Mrd. Franken in Schäden verursachen kann. Die Gefährdung durch ein 300-jährliches Hochwasser zählt zu den fünf grössten Risiken, mit welchen die Schweiz im Bereich Katastrophen und Notlagen konfrontiert ist.

Vorsorge und Verhaltensanweisungen: Was können Sie tun?

Durch Überschwemmungen werden immer wieder Menschen verletzt. Anschwellende Fliessgewässer können Menschen und Fahrzeuge mitreissen und es muss mit Todesfällen gerechnet werden. Daher ist es von grosser Bedeutung, dass Sie wissen, wie Sie sich im Ereignisfall verhalten sollten:

  • Verhalten Sie sich ruhig und überlegt und so weit möglich selbstständig. Bringen Sie sich nicht unnötig in Gefahr, verlassen Sie gefährdetes Gebiet sofort.
  • Gehen Sie bei Überschwemmungsgefahr nicht in Keller oder Tiefgaragen. Fahren Sie nicht mit dem Auto/Velo durch überflutete Strassen.
  • Vermeiden Sie den Aufenthalt an Gewässern, die Hochwasser führen. Flutwellen können Sie überraschen und Ufer, die unterspült werden, können einstürzen.

Bei einem Hochwasser mit einem grossen Schadensgebiet sind Sie möglicherweise für einige Stunden bis Tage auf sich alleine und Ihre Nachbarn gestellt. Hochwasser kann zu Versorgungsengpässen in verschiedenen Bereichen führen; lebensnotwendige Güter wie Wasser, Nahrungsmittel, Medikamente und Strom sind möglicherweise für mehrere Tage nicht verfügbar. Bei grosser Gefahr werden Sie möglicherweise aus dem betroffenen Gebiet evakuiert und können für einige Tage nicht in Ihre Wohnung zurückkehren.

Bereit für alle Fälle

Beachten Sie die Empfehlungen zu Notvorrat und Notfallapotheke sowie zu den Vorbereitungen betreffend Notunterkunft und Notgepäck im Alertswiss Notfallplan.

Das Bild zeigt ein iPhone und ein iPad nebeneinander liegend von oben ab fotografiert. Auf den Bildschirmen ist die Aufschrift "Alertswiss Notfallplan" eingeblendet. Ein Klick auf das Bild leitet Sie direkt zum Notfallplan weiter. Weitere Informationen

 

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