30 Oktober 2015

Wenn ein Krankenhaus evakuiert werden muss

Dr. Jens Schwietring war als Arzt in führender Position an mehreren Evakuierungen von Krankenhäusern in Koblenz (D) beteiligt. Im Rahmen der diesjährigen Bevölkerungsschutzkonferenz gibt er als Referent seine diesbezüglichen Erfahrungen an die versammelten Fachleute aus dem Schweizer Bevölkerungsschutz weiter. So anschaulich wie eindrücklich zeigt er die enormen Herausforderungen auf, die dabei zu bewältigen sind.

Bei Katastrophen müssen die Führungs- und Einsatzorganisationen grundsätzlich in der Lage sein, bestimmte Gebiete zu evakuieren. Dabei ist davon auszugehen, dass die meisten betroffenen Menschen das gefährdete Gebiet selbständig und mit eigenen Mitteln verlassen können. Besonders bei einer grossflächigen Evakuierung können aber auch Einrichtungen und Personengruppen betroffen sein, die sich unmöglich selber evakuieren können: Krankenhäuser und Heime für alte, pflegebedürftige und behinderte Menschen zum Beispiel.

In der Schweiz gibt es dazu bislang nur wenige Erfahrungen. In Deutschland dagegen schon, vor allem im Zusammenhang mit Bombenfunden in Städten: Bei Bauarbeiten werden regelmässig Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg gefunden, die entschärft und geborgen werden müssen. Aufgrund der Explosionsgefahr ist es dabei in der Regel erforderlich, dass die Anwohner ihre Häuser vorübergehend verlassen. So gab es auch in der Stadt Koblenz in Rheinland-Pfalz in jüngerer Zeit mehrere derartige Evakuierungen. Die grösste erfolgte am 4. Dezember 2011 nach dem Fund einer 1,8 Tonnen schweren britischen Luftmine. Betroffen waren etwa 45‘000 Bewohner. Sie mussten die Evakuierungszone bis 9 Uhr morgens verlassen haben. Dies klappte aufgrund der umfassenden Information sehr gut. Mit der Entschärfung der Luftmine konnte sogar früher als geplant begonnen werden, die ganze Aktion konnte denn auch noch am gleichen Tag abgeschlossen werden. Die meisten Bewohner kehrten nach Freigabe der Evakuierungszone am Abend in ihre Häuser zurück.

Die Luftmine liegt in einer Pfütze
Hauptgrund für die großräumige Evakuierung in Koblenz 2011: eine britische 1,8 Tonnen schwere Luftmine.

Die Evakuierung der normalen Anwohner konnte also mit verhältnismässig geringem Aufwand und ohne grössere Probleme umgesetzt werden. Sehr schwierig und aufwändig war jedoch die Evakuierung von zwei grossen Krankenhäusern, mehreren Altersheimen und einer Justizvollzugsanstalt. Mit der Evakuierung der Justizvollzugsanstalt wurde bereits am 2. Dezember 2011 begonnen. Die 200 Häftlinge wurden auf Gefängnisse im ganzen Land verteilt, was eine hohe logistische Herausforderung bedeutete. Am selben Tag wurde auch mit der Evakuierung der Krankenhäuser und der Altenheime begonnen. Die etwa 180 Patienten und 350 Bewohner wurden auf Einrichtungen im Umland verteilt. Aus Privathaushalten mussten etwa 130 pflegebedürftige Menschen abgeholt werden. Insgesamt waren dazu 45 Rettungswagen und 117 Krankentransportwagen im Einsatz.

Videobeitrag Evakuierung in Koblenz:

Ntv24

Jens Schwietring ist Leitender Notarzt Gruppe Koblenz und war bei der grossen Evakuierungsaktion 2011 wie auch bei verschiedenen weiteren Evakuierungen in leitender Funktion beteiligt – und kennt somit die komplexen Aufgaben bei der Evakuierung von Krankenhäusern. In seinem Referat an der Bevölkerungsschutzkonferenz 2015 zeigte er insbesondere auf, wie viele unterschiedliche Bedürfnisse dabei zu berücksichtigen sind: Patienten in der Intensivpflege haben eine hohe Abhängigkeit von Geräten, sie sind oft kaum transportfähig. Querschnittgelähmte Patienten benötigen neben Hilfe bei der Mobilität oft medizinische Unterstützung zur Aufrechterhaltung der Vitalfunktionen. Für Patienten mit Adipositas ist sehr spezielles Equipment nicht nur für die Pflege, sondern ganz besonders für den Transport erforderlich. Infektionspatienten müssen in Schutzausstattung und in der Regel einzeln transportiert werden; dabei ist der Desinfektions- und Dekontaminationsaufwand sehr hoch. Frühgeborene oder erkrankte Neugeborene benötigen einen enorm hohen Betreuungsaufwand – und den engen Einbezug der Eltern. Daneben gibt es noch viele weitere spezielle medizinische Bedürfnisse, die zu berücksichtigen sind: Manche Patienten benötigen Heimbeatmung; immunsupprimierte Patienten benötigen einen besonderen Infektionsschutz, Patienten in der Nuklearmedizin können für die Umwelt eine Strahlungsquelle darstellen und müssen deshalb isoliert werden. Psychiatriepatienten benötigen aufgrund der Weglauftendenz teilweise eine 1:1-Betreuung. Die Aufzählung könnte noch weiter geführt werden.

Jens Schwietring an der Bevölkerungsschutzkonferenz 2015
Jens Schwietring an der Bevölkerungsschutzkonferenz 2015

In der Summe wird deutlich, dass die Evakuierung eines Krankenhauses nur gestützt auf umfassenden Planungen erfolgreich umgesetzt werden kann. Dabei zeigt sich auch die Spannung zwischen dem öffentlichen Auftrag zum Schutz der Bevölkerung einerseits und dem wirtschaftlichen Druck andererseits: Es ist grundsätzlich unbestritten, dass der diesbezügliche öffentliche Auftrag sehr hoch zu gewichten ist – gerade mit Blick auf besonders schutzbedürftige Gruppen wie kranke, behinderte und alte Personen. Gleichzeitig sind die finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten begrenzt – es ist ganz einfach nicht alles machbar, was aus medizinischer Sicht erforderlich wäre. Dazu kommt, dass die Krankenhäuser bei Ihrer Entstehung nicht für derartige Situationen geplant und gebaut worden sind und die verfügbare Ersatzinfrastruktur immer limitiert ist.

In diesem Sinne gibt es für die Evakuierung eines grossen Krankenhauses keine Patentlösung. Die Probleme sind spezifisch – entsprechend müssen spezifische Lösungen erarbeitet haben. Es gibt aber allgemeingültige Schlüsselfaktoren: in erster Linie die Zusammenarbeit und die Kommunikation zwischen allen beteiligten Behörden, weiter die Kenntnis der lokalen Bedingungen und der Beteiligten. Für beides muss die Vorbereitungszeit optimal genutzt werden: Ohne gründliche Planung kann die komplexe Aufgaben im Ereignisfall nicht bewältig werden.

 

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