4 Mai 2016

8 Fragen an … Stefan Mogl, Chef Fachbereich Chemie LABOR SPIEZ

Herr Mogl, was ist Ihre Hauptaufgabe als Chef Fachbereich Chemie?

Mein Hauptaufgabe ist die Koordination der Arbeiten im Fachbereich Chemie.

Wir befassen uns mit den Bedrohungen durch Chemiewaffen und Abrüstungsfragen. Wir synthetisieren chemische Kampfstoffe, testen Geräte zur Detektion, entwickeln Analysemethoden zur Identifikation und untersuchen, wie Kampstoffe nach einer Ausbringung unschädlich gemacht werden können. Mit den dabei gewonnenen Fachkenntnissen unterstützen wir z.B. das Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA bei Abrüstungsverhandlungen oder die chemische Industrie bei Inspektionen in der Schweiz im Rahmen der Chemiewaffenkonvention.

Zusätzlich bearbeiten wir Aufträge von internationalen Organisationen: von der Organisation for the Prohibition of Chemical Weapons OPCW (überwacht die Chemiewaffenkonvention) oder z.B. dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz IKRK.

Sollte es in der Schweiz zu einer Ausbringung von chemischen Kampfstoffen kommen, betreiben wir die Einsatzequipe C-EEVBS zur Unterstützung der Kantone bei der Ereignisbewältigung.

Was ist an Ihrer Arbeit besonders, einzigartig, faszinierend?

An meiner Arbeit sind zwei Faktoren einzigartig und faszinierend: der Arbeitsinhalt und die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite. Ich darf meine Kenntnisse für die Abrüstung von Massenvernichtungswaffen einsetzten, das betrachte ich als Privileg. Ich bin dadurch immer wieder von neuem motiviert, auch wenn multilaterale Verhandlungen eine gewisse Frustrationstoleranz bedingen. Zweitens arbeite ich mit ganz ausserordentlichen Menschen zusammen; einerseits hier im LABOR SPIEZ und andererseits mit Abrüstungsexperten auf der ganzen Welt.

In den vergangenen Jahren mussten wir im Auftrag der OPCW oder der UNO mehrmals Proben aus Konfliktgebieten untersuchen. Bekannt ist insbesondere der Auftrag zur Untersuchung von Proben aus Syrien im Jahr 2013, als wir den Einsatz des chemischen Kampfstoffs Sarin zweifelsfrei nachweisen konnten. Solche Aufträge für internationale Organisationen sind für uns so etwas wie der Ernstfall: Dann müssen wir aus dem Stand bereit sein. Wir arbeiten unter grossem Zeitdruck, denn der Auftraggeber benötigt die Ergebnisse sobald als möglich. Dabei dürfen aber keine Fehler passieren – denn unsere Ergebnisse können weitreichende politische Folgen auf internationaler Ebene haben.

Wollten Sie schon als Kind Abrüstungsexperte werden? Wie sind Sie zu Ihrem Beruf und zu Ihrer heutigen Funktion gekommen?

Nein, bestimmt nicht, ich wollte Blues- oder Rockmusiker werden!

Ich habe eine Lehre als Chemielaborant gemacht, danach das Chemie-Technikum in Winterthur, dann ein Nachdiplomstudium in Arbeitshygiene an der ETHZ absolviert, und etwas später kam noch ein MBA dazu. Anfangs der Neunziger Jahre sah ich die UNO-Inspektoren im Irak in den Nachrichten und dachte, das wäre spannend. Als die OPCW dann 1996 erstmals Inspektoren für Chemiewaffen rekrutierte, habe ich mich beworben. Von 1997 an war ich Inspektor für die OPCW und durfte die Welt bereisen, bevor ich 2000 die Leitung des OPCW Labors in Den Haag übernahm. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz hat mich Marc Cadisch, Leiter des LABOR SPIEZ, 2007 ins LABOR SPIEZ geholt.

Gruppenfoto des OPCW Scientific Advisory Board mit OPCW Director-General und OPCW Deputy-Director General (2012-13)
OPCW Scientific Advisory Board mit OPCW Director-General und OPCW Deputy-Director General (2012-13)

Welches sind die grössten Herausforderungen, die Sie als Chef im Fachbereich Chemie zu bewältigen haben?

Wir sind die einzige Stelle in der Schweiz, die sich mit chemischen Waffen beschäftigt. Kommt es zu einem Ereignis, müssen wir darauf vorbereitet sein. Wir müssen heute entscheiden, in welche technischen Fähigkeiten wir investieren wollen, damit wir mögliche neue Bedrohungen erkennen und bewältigen können. Dazu studieren wir auch Entwicklungen in den Naturwissenschaften, die neue Waffenprogramme möglich machen könnten.

Wenn wir für eine internationale Organisation wie die OPCW einen Auftrag ausführen, dürfen keine Fehler passieren. Das schaffen wir nur, wenn wir als Team sehr gut zusammenarbeiten und uns immer wieder hinterfragen. Diese geforderte Qualität im Ernstfall können wir nur sicherstellen, wenn wir bei unseren „normalen“ Tätigkeiten, im Alltag also, auch hohe Qualitätsstandards erfüllen. Auf Dauer gesehen ist das wohl die grösste Herausforderung.

Was ist das Wichtigste, das Sie in Ihrem Beruf und in Ihrer heutigen Funktion gelernt haben?

Wenn wir schwierige Aufgaben erfolgreich bewältigen wollen, müssen wir als Team sehr gut zusammenarbeiten. Dazu muss klar sein, wer im Team wofür verantwortlich ist. Kritische oder abweichende Meinungen sollte man immer anhören.

Warum ist Ihre Organisation unverzichtbar für den Bevölkerungsschutz?

Wir stellen für die Schweiz als einzige Stelle ein breites Fachwissen zu chemischen Kampfstoffen sicher: Wie man sie herstellen, erkennen, identifizieren oder unschädlich machen kann. Bei einem Ereignis in der Schweiz sind wir allzeit einsatzbereit. Für die absehbare Zukunft bleibt dies für mich eine wichtige Kompetenz zugunsten des Bevölkerungsschutzes.

Wie bereiten Sie sich persönlich auf eine Katastrophe oder Notlage vor?

Als OPCW Inspektor musste ich erfahren, dass auf einer Mission viele Probleme auftauchen können und man sich darauf vorbereiten muss. Auch wenn dann etwas ganz anderes schiefgeht, kann man schneller darauf reagieren.

Dasselbe gilt für Katastrophen und Notlagen. Das Unerwartete sollte stets in Betracht gezogen werden, denn eine gute Vorbereitung kann im Ernstfall äusserst hilfreich sein. Der Notfallplan auf Alertswiss hilft, sich solche Fragen zu stellen und hält Tipps für den Fall der Fälle bereit.

Wenn es um Massnahmen geht, habe ich gelernt, dass im Ereignis das funktioniert, was einfach ist – zusätzlich braucht es aber auch immer eine Portion Glück.

Können Sie uns das eindrücklichste Erlebnis in Ihrem Beruf und in Ihrer Funktion schildern? Gibt es einen traurigsten und / oder einen schönsten Tag?

Es gibt beides, traurig und schön.

Mein beruflich eindrücklichstes Erlebnis war meine Zeit als Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates der OPCW (2012-13). In dieser Funktion hatte ich regelmässige Vieraugengespräche mit dem OPCW Generaldirektor. Als dieser 2013 für die OPCW den Friedensnobelpreis erhielt, war das eine sehr schöne Überraschung.

Mein beruflich traurigster Tag war der 21. August 2013. Wir studierten im LABOR SPIEZ Videos der Giftgasattacken von Ghouta in Syrien. Die Bilder der vergifteten Kinder haben mich noch lange verfolgt.

 

 

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